Kaiserslautern
Enge Vernetzung von Wirtschaft und Wissenschaft als Jobmotor
„Ich kenne keine Stadt im Land, die so ein ausgefeiltes Konzept hat, um Unternehmen anzulocken“, sagt Dieter Rombach (68). Seit der Entwicklung des PRE-Parks, einem der erfolgreichsten Konversionsprojekte im Land, verfolge Kaiserslautern eine sehr konsistente Strategie, die bis heute kontinuierlich aktualisiert und umgesetzt werde. „Früher gingen Firmen dorthin, wo es billiges Bauland gab und eine gute Verkehrsanbindung.“ Heute hielten die Unternehmen nach Anknüpfungspunkten Ausschau, „die Nabelschnur zu Innovationen“ sei das A und O. „Wir bieten die perfekte Vernetzung, von der Grundlagenforschung an der TU und dem Max-Planck-Institut über die angewandte Forschung, die beispielsweise am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz und den Fraunhofer Instituten passiert.“ Das befeuere dann Ausgründungen wie Insiders, Human Solutions oder Empolis, in der Folge siedelten sich große Unternehmen an, die von dieser gesamten Innovationskette profitierten. Dass das Europäische Technologie- und Innovationszentrum von John Deere seinen Sitz heute in Kaiserslautern habe, sei die logische Konsequenz. „Die haben auf die Unterstützung der Wissenschaft vor Ort gesetzt.“ Und daraus wiederum sind laut Rombach dann wieder neue Forschungsaktivitäten rund um die Landwirtschaft der Zukunft entstanden. Wenn die Batteriezellfertigung auf das Opel-Gelände komme, habe auch das etwas mit der ganz engen Vernetzung von Wirtschaft und Wissenschaft zu tun, argumentiert Rombach.
Als Vorstandsvorsitzender der Science and Innovation Alliance, die im Jahr 2007 vom damaligen TU-Präsidenten Helmut Schmidt gegründet wurde, biete er heute Unternehmen Workshops an, in denen er ihnen ganz konkret aufzeige, von welchem Know-how und welchen wissenschaftlichen Exzellenzen sie an dem Technologiestandort profitieren könnten, mit wem sich eine Zusammenarbeit anbiete. Das werde sehr gut nachgefragt, auch die Firma Matelso, die jetzt auf der Europahöhe baut, habe gerade ihr Interesse signalisiert. „Die Zusammenarbeit ist eng am Standort.“ Das liege mit daran, dass gezielt Cluster entwickelt worden seien, rund um die Themen Industrie 4.0, Künstliche Intelligenz, Informations- und Kommunikationstechnologie, digitale Projekte. Neu im Aufbau seien die Felder E-Mobilität, Gesundheit und Energie. So sei die Region in der Vergangenheit aus sich selbst gewachsen.
Die Ansiedlung von Amazon passt nach Auffassung von Oberbürgermeister Klaus Weichel durchaus zu dieser Ausrichtung. „Wir haben immer gesagt, wir brauchen gerade aufgrund der strukturellen Umbrüche nicht nur Arbeitsplätze für Akademiker.“ Bei Amazon und ID Logistics beispielsweise entstehen die, so Weichel. Es sei nicht in Ordnung, Logistikunternehmen nur zu verteufeln. Die Arbeitsplatzeffekte müssten gesehen werden. Rombach: „Als ich hierher kam, hatten wir eine Arbeitslosenquote von 15 Prozent. Ich prophezeie mal, dass wir 2023 bei fünf oder sechs Prozent angekommen sind.“
Stefan Weiler, Chef der Wirtschaftsförderungsgesellschaft, erklärt, dass auch die Start-up-Szene, also Firmengründungen, die aus dem wissenschaftlichen Umfeld kommen, beeindruckend sei. Die Gründer würden im Business& Innovation Centre (BIC) intensiv betreut, gerade Firmen wie Flexstructures oder VR-Coaster bräuchten aber jetzt mehr Platz. „Früher hätte ich die im PRE-Park untergebracht, aber der ist so gut wie voll. Auch die Europahöhe, die in erster Linie reserviert ist für Unternehmen aus der Informations- und Kommunikationstechnologie, ist fast komplett belegt. Wir bräuchten noch mal ein komplettes IG Nord und eine neue Europahöhe“, sagt Weiler. Er legt auch noch mal Zahlen auf den Tisch. Seit Jahresbeginn 2019 mussten demnach in Stadt und Landkreis Kaiserslautern mehr als 130 Anfragen von Unternehmen abgelehnt werden, weil Flächen fehlen. Verfügbare Flächen vorzuhalten, das ist für Rombach das Entscheidende. „Wenn ein Unternehmen hierher will, muss ich ihm etwas anbieten können.“ Das gelte unbedingt auch für attraktiven Wohnraum. Rombach: „Ich höre sehr viele Hilferufe. Wir kriegen hier langsam Münchener Verhältnisse. Einfamilienhäuser und hochwertige Wohnungen sind so gut wie keine auf dem Markt.“ Aber genau danach fragten junge innovative Firmen für ihre Mitarbeiter nach.
Laut Weiler hat Kaiserslautern als Standort einen so guten Namen, dass die Unternehmen hierher wollten. „Wenn das Batteriezellwerk kommt, brauchen wir auch wieder Flächen für Zulieferer.“ Weichel würde das Industriegebiet Nord gern zusammen mit dem Landkreis erweitern. Für interkommunale Projekte gebe es die meisten Fördermittel. Eine Flächenpotenzialanalyse liege vor.