Pfalz
„Nicht jede Ameise ist eine Tapinoma magnum“
Ameisen, die aus Steckdosen kriechen, Gehwegplatten anheben oder Kabel beschädigen: Viele Bürger haben den Eindruck, dass die Tapinoma magnum sich sehr aggressiv bei uns ausbreitet. Zurecht?
Die Tapinoma bildet, anders als einheimische Ameisen, Superkolonien, die Millionen Arbeiterinnen umfassen können. Allein durch die Größe der Kolonien und die Menge der Tiere ist sie also sehr auffällig. Grundsätzlich nisten Ameisen gerne an trockenen, warmen Plätzen, etwa in Stromkästen. Das gilt auch für die Tapinoma magnum – nur dass sie eben durch ihre hohe Anzahl zum Störfaktor wird. Wir beobachten eine gewisse Panik wegen dieser Ameisen. Da möchte ich gerne etwas Ruhe vermitteln.
Sie raten also zu etwas mehr Gelassenheit im Umgang mit Tapinoma?
Erstmal sollte man sich genau anschauen, um welche Ameise es sich überhaupt handelt. Nicht jede Ameise ist eine Tapinoma. Und nicht jede Ameise ist neu hier. Durch die veränderte öffentliche Wahrnehmung sieht man unter Umständen Ameisen, die man bisher nur nicht bemerkt hat.
Aber es gibt ja durchaus Meldungen über Schäden durch Tapinoma.
Die Kolonien der Großen Drüsenameise mit ihren unterirdischen Nestern können sich über ein weites Gebiet ausbreiten. Das kann Einfluss auf die Infrastruktur haben. So mussten etwa Spielplätze gesperrt werden oder es gab Stromausfälle. Aber auch einheimische Ameisenarten haben schon zu Ampelausfällen gesorgt. Gerade im Frühjahr, wenn die Nestbauaktivitäten beginnen, kann es durchaus zu solchen Vorfällen kommen. Dass ganze Gebäude durch Tapinoma beschädigt wurden, darüber ist mir bislang nichts bekannt. Die nächsten Jahre werden zeigen, wie groß das Problem tatsächlich ist.
Wie kommt diese invasive Ameisenart eigentlich zu uns?
Sie stammt aus dem Mittelmeerraum und kommt vermutlich über Blumentöpfe und mediterrane Pflanzen wie Olivenbäumchen zu uns. Wir wollen in unserem Tapinoma-Projekt herausfinden, ob die Verbreitung vor Ort stattfindet oder einfach immer wieder, unabhängig voneinander Tapinomas importiert werden. Fest steht: Die Ameisen finden in urbanen Räumen gute Lebensbedingungen – das gilt längst nicht für alle über 120 Ameisenarten in Deutschland.
Wie gut lässt sich Tapinoma magnum von anderen Arten unterscheiden?
Für Laien ist das nicht so einfach. Über unser Meldeportal erreichen uns etliche Fotos, die andere Ameisenarten zeigen.
Worauf sollten Laien achten?
Auf der Webseite des Tapinoma-Projekts gibt es dazu umfangreiche Hinweise. Hilfreich finde ich, die Ameisen mit etwas Zuckerwasser auf ein kleines, weißes Papier zu locken. Während sie fressen, kann man sie gut vermessen und fotografieren. Im Gegensatz zu vielen heimischen Arten sind diese Ameisen komplett schwarz. Entgegen des Namens sind die Arbeiterinnen eher klein, nur zwei bis fünf Millimeter groß, einige sind jedoch bis zu doppelt so groß wie andere. Solche starken Größenunterschiede gibt es bei vielen einheimischen Arten nicht. Im Sommer sieht man außerdem, dass die Tapinoma-Puppen nackt sind, also nicht wie andere Arten einen Kokon haben.
Was halten Sie von der Geruchsprobe, die häufig empfohlen wird?
Tapinoma hat tatsächlich einen sehr eigenen Geruch, wenn sie gestört wird. Allerdings ist es schwierig, diesen genau einzuordnen, wenn man ihn vorher nicht kennt. Einige beschreiben ranzige Butter, andere Blauschimmelkäse oder auch einen chemischen, aromatischen Duft. Das verwirrt möglicherweise eher.
Ameisen gibt es schon immer. Warum sorgt nun ausgerechnet die Tapinoma für solche Aufregung?
Das liegt sicher an den Superkolonien. Viele andere Ameisennester sind deutlich kleiner. Die öffentliche Aufmerksamkeit verstärkt zudem die Wahrnehmung. Das sehen wir in unserem Projekt. Innerhalb eines Jahres hat sich die Anzahl der bekannten Kolonien mindestens verdoppelt. Die erhöhte Sensibilität sorgt sicher für mehr Meldungen. Ich habe den Eindruck, dass es einen großen Bedarf an fachlicher Aufklärung gibt.
Ist die Tapinoma magnum gefährlich?
Für den Menschen ist sie vor allem lästig. Bürger berichten uns, dass sie sich nicht mehr trauen, in Urlaub zu fahren, weil sie fürchten, die Ameisen dringen dann ins Haus ein. Das kann psychisch sehr belastend sein. Gesundheitlich ist sie eher ungefährlich. Vieles deutet aber darauf hin, dass die invasive Tapinoma magnum die Biodiversität bedroht, also heimische Ameisen und Insekten verdrängt.
Was würde passieren, wenn man eine Kolonie nicht eindämmt?
Sie würde vermutlich wachsen, bis sie auf eine andere Ameisenkolonie trifft. Ich habe von einer bis zu 20 Hektar großen Kolonie gelesen. Da ist die Tapinoma also schon extrem – und dadurch sehr schwer loszubekommen.
Gibt es regionale Schwerpunkte bei der Ausbreitung?
Bislang wissen wir nur, was uns gemeldet wird. Es scheint einen Schwerpunkt in Süddeutschland zu geben. Die Rheinebene ist besonders stark betroffen. Aber auch in Köln oder Dresden gibt es Vorkommen.
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In Rheinland-Pfalz gibt es keine systematische Erfassung von Tapinoma-Kolonien. Braucht es eine solche Übersicht aus Ihrer Sicht?
Für Politiker und Gemeinden ist das sicher hilfreich. Noch wichtiger ist eine Anlaufstelle zur Identifikation, wenn man sich unsicher ist, um welche Art es sich handelt.
Um dann gezielt die Tapinoma zu bekämpfen?
Es ist sinnvoll, professionelle Schädlingsbekämpfer einzuschalten und sich innerhalb der Nachbarschaft sowie mit der Gemeinde zu koordinieren. Wenn nur Einzelne dagegen vorgehen, breitet sich die Ameise schnell wieder aus. Allerdings sind mir sehr wenige Fälle bekannt, wo es letztlich gelungen ist, große Kolonien wieder komplett auszurotten.
Heißes Wasser, Ameisengift, Hausmittel wie Chili oder kleine Fadenwürmer, die Eier und Larven fressen: Welche Bekämpfungsart hat sich aus Ihrer Sicht bewährt?
Dazu kann ich nicht viel sagen. Ich bin Insektenforscherin, keine Schädlingsbekämpferin. Persönlich würde ich die Methode wählen, die weniger Umweltschäden verursacht.
Hat die Tapinoma magnum natürliche Feinde bei uns?
Mir ist nichts bekannt, das ganze Kolonien bedrohen würde. Der größte begrenzende Faktor sind wahrscheinlich andere Ameisenkolonien.
Das Tapinoma-Projekt erforscht auch die künftige Ausbreitung. Wie könnte diese aussehen?
Erste Ergebnisse zeigen, dass diese Ameisenart sehr stark an städtische Räume gebunden ist. Wichtig sind deshalb Prävention und Aufklärung in den Kommunen, etwa durch Ansprechpartner zum Thema invasive Arten. In der Schweiz gibt es beispielsweise städtische Schädlingsbekämpfer als Anlaufstelle für Bürger.
Werden wir die Tapinoma magnum je wieder ganz loswerden?
Es ist sicher sinnvoll, Kolonien einzudämmen. Aber dass die Arten komplett verschwindet, glaube ich nicht.
Zur Sache: Das Tapinoma-Projekt
Insektenforscherin Amelie Höcherl ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Naturkundemuseum Stuttgart. Dort läuft seit April 2025 ein gemeinsames Projekt mit dem Naturkundemuseum Karlsruhe und anderen Partnern zur Erforschung der Ausbreitung der Tapinoma magnum. Dazu gehört ein Meldeportal für Bürger unter www.naturkundemuseum-bw.de, das auch Pfälzer nutzen können.
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